Rezensionen

Created with Sketch.

Schülersorgen heute – überraschende Einsichten und gangbare Auswege

Eine ehemalige Grundschulleiterin zeigt in 10 feinfühlig kommentierten typischen Szenen: So schnell verfehlen Eltern und Lehrer kindliche Entwicklungsbedürfnisse. Und so leicht kann es sein, Kinderäußerungen individualpsychologisch zu deuten und sinnvoll aufzugreifen.

# “Das schaffst du schon!” ist schnell gesagt – und kann ziemlich entmutigen.
# Hinter “Ich will” steckt oft “Eigentlich brauche ich”.
# Dauernd “Super!” irritiert – interessiertes Echo oder ermutigende Kommentare nicht.
# Muss das so sein, dass Kinder mehr eigene Schwächen als Stärken kennen?
# Verwöhnen ist eigentlich vernachlässigen.
# Wer nicht stört, wird schnell übersehen – dabei braucht er uns vielleicht besonders.
# Die Geschwisterkonstellation prägt die Lebensbrille

Abschließend: Skizze einer Lehrerfortbildung


Selma tobt. Das Drama des unverstandenen Kindes. 
Marita Brune-Koch. In Schweizer Standpunkt. 14. April 2022.

"Selma, 7 Jahre alt, hört nicht, was die Lehrerin sagt, sie bockt und schreit, wirft Stifte und andere Schreibutensilien durch die Klasse. Kein Zureden hilft, weder von der Lehrerin, noch von den Eltern. Die Lehrerin findet keinen Zugang zu ihr, der Schulpsychologe wird zugezogen, der diagnostiziert eine frühkindlichen Autismusstörung. Den Eltern wird vorgeschlagen, Selma zur stationären Behandlung in die Psychiatrische Klinik zu überweisen."

"Wir leben in einer Zeit, wo die Kinderpsychiatrien dem Ansturm hilfsbedürftiger Kinder und Jugendlicher kaum entsprechen können. Da wäre es doch endlich angebracht, sich auf diese für Kinder, Eltern, Familien und Lehrer so wertvolle und segensreichen Erkenntnisse zu besinnen und Pädagogen zu lehren, Pädagogen zu sein. Gute Entwicklungen vieler Selmas wären der Dank dafür."

"Im Norddeutschen Raum lehrt Beate Letschert-Grabbe, eine Lehrerausbildnerin auf der Grundlage der Individualpsychologie erfolgreich Lehrer und Lehrerinnen, wie sie ihren Schülern besser gerecht werden können. Ein aktuelles Buch von ihr sei an dieser Stelle empfohlen."

Wenn Sie die ganze Rezension lesen möchten, klicken Sie bitte auf "Eine Rezension von Detlef Träbert".

„Und wenn sich jemand um einen kümmert, dann besteht man eher“ – das sind die letzten Worte in einem wahrlich berührenden Buch, geäußert von einem Viertklässler. Es ist heutzutage leider allzu häufig der Fall, dass sich Erwachsene, Eltern wie auch Lehrerinnen und Lehrer, zu wenig um die individuellen Bedürfnisse und Befindlichkeiten von Kindern kümmern. Welche Folgen das für Persönlichkeitsentwicklung, Sozialverhalten und Schulerfolg haben und vor allem, wie man positiv daran arbeiten kann, darum geht es in „Das übersehene Kind“ von Beate Letschert-Grabbe.

Eine Rezension von Prof. Dr. Jürg Frick

Created with Sketch.

In Bearbeitung

Buchtipp eines Lesers: "Das übersehene Kind" von Beate Letschert-Grabbe

Es geht der Autorin nicht um das Kind, das man "übersieht" und mit dem Einkaufswagen umrempelt oder das man aus Empathielosigkeit verwahrlosen lässt. Beate Letschert-Grabbe beleuchtet vielmehr das Spannungsfeld der unterschiedlichen kommunikativen Fähigkeiten von Erwachsenen und Kindern: Geleitet von dem Bedürfnis, für das Kind „nur das Beste zu wollen“, senden wir Botschaften aus, mit denen wir oft genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir beabsichtigen. Das Kind, noch nicht in der Lage seine Position zu reflektieren und zu artikulieren, reagiert mit einer Handlung, die vom Erwachsenen allzu häufig fehlinterpretiert wird.


 Pädagogisch und psychologisch fundiert beleuchtet die Autorin dieses Konfliktpotenzial sehr anschaulich und unterhaltsam an zahlreichen sehr persönlichen, zum Teil anrührenden Fallbeispielen. Verblüffend für mich ist immer wieder, dass ich in den meisten der geschilderten Alltagssituationen spontan genau den falschen Weg zur Konfliktbewältigung wählen würde. Und ich lese dann erstaunt, welche Konsequenzen meine gut gemeinte Botschaft gehabt hätte, und welche Reaktion die bessere wäre. Von zentraler Bedeutung des Buches ist die Beschreibung der Gegensätze: Ermutigung statt Verwöhnung, differenzierte Rückmeldung statt pauschaler Lobhudelei, Erkennen der Perspektive des Kindes statt dirigistischer „erwachsener“ Besserwisserei.


 "Was isses denn nu´ genau für´n Buch?" Eigentlich ein Fachbuch für angehende Lehrkräfte, da viele Konfliktbeispiele und Gesprächsrunden aus dem Schulalltag geschildert werden. Zugleich ist es aber mit seiner Analyse so vieler Situationen des täglichen Lebens empfehlenswert für jeden, der bereit ist, seinen Umgang mit Kindern selbstkritisch zu hinterfragen.


Wolfgang Malota, Hamburg

Eine Rezension von Siglinde Hiestand

Created with Sketch.

"Lösch die Nummer"
Siglinde Hiestand empfiehlt das neue Buch von Beate Letschert-Grabbe

In: Lichtblick. Magazin für praktizierte Individualpsychologie.
Heft 117, September 2021, S. 22


Mit „Das übersehene Kind“ rückt Dr. Beate Letschert­-Grabbe die Kinder in den Fokus. Die Grundidee dieses Bu­ches über Erziehung und Pädagogik ist, genau hinzuschauen, Kinder in ihren negativen Verhaltensmustern zu verstehen, ihnen gerecht zu werden und Bedeu­tung zu geben. Die Autorin, Individualpsychologin, Supervisorin (DGIP) und Expertin für Lehrerfortbildung, orientiert sich an den Kerngedanken der IP mit der Ermu­tigung als Leitmotiv. 


„Lösch die Nummer“, sagt das Kind und meint damit: „Leg doch das Smartphone weg und sprich mit mir! Küm­mere dich um mich und nicht um dieses Ding!“ Die Bot­schaft der Autorin ist klar: Zoomt das Kind heran, haltet inne. Gebt ihm Raum, nehmt es wahr, versteht es und handelt danach. In unserem hektischen Alltag voller Zeit­druck bleiben Kinder oft auf der Strecke. Es fehlt ihnen an Beachtung, Wertschätzung und Sicherheit. Das Kind mit seinen Bedürfnissen und Interessen, seinen Anlagen und Fähigkeiten wird übersehen. Ohne Resonanz bedie­nen sich manche Kinder dann destruktiver Mittel oder bleiben still im Hintergrund. 


Anhand praxisnaher Themen geht es um den Umgang mit Kindern, die sich destruktiv verhalten. Um den Zu­sammenhang von Beachtung, Zugehörigkeit und Selbst­wertgefühl, um die Analyse klassischer Situationsabläufe und um Möglichkeiten, solche Kinder nicht links liegen zu lassen, sondern nach vorne zu holen. Sie darin zu un­terstützen, ihre Fähigkeiten und Eigenschaften zu entde­cken und zu nutzen. Floskeln von Erwachsenen wie „super gemacht“ oder „das schaffst du schon“ werden kritisch hinterfragt und auf ihre Wirkung überprüft. 


Die Nöte enttäuschter, frustrierter Kinder sind ebenso Thema: Kinder, denen starre Grenzen gesetzt werden, die gehorchen müssen und geformt werden, bevor sie ihre eigenen Neigungen erkannt haben. Verwöhnte Kin­der, die ihrer Selbstständigkeit beraubt werden, wo Ver­wöhnung zur Vernachlässigung wird. Oder im Stich gelassene Kinder, für die sich niemand interessiert, die es schwer haben, so etwas wie Selbstwertgefühl zu ent­wickeln. Auch die Problematik der Geschwisterkonstel­lation wird aufgegriffen. Zudem geht es um das Lernen von Vorgelebtem und die Chance, negative Erfahrungen mittels eigener schöpferischer Kraft zu überwinden. 


Besonders gelungen sind die abwechslungsreichen Dar­stellungsformen: Schilderungen von Szenen und Beob­achtungen über Verhaltensweisen von Erwachsenen gegenüber Kindern aus dem Alltag, aus Schule und El­ternhaus. Geschichten aus dem Leben, darunter auch eine Kindheitserinnerung der Autorin. Ausdrucksstarke Portraitfotos von Kindern, jedem Kapitel vorausgestellt, lockern auf und stimmen ein. Es gibt praktische und theo­retische Teile mit Reflexionen und Empfehlungen für El­tern und Lehrkräfte. Ein Schwerpunkt sind Gespräche der Autorin mit Schüler:innen einer vierten Grundschul­klasse über Fragen der Erziehung und Pädagogik. Die Überlegungen und Ansichten der Kinder sind in ausführ­lichen, wortgetreuen Protokollen aus Gesprächskreisen wiedergegeben. Sie kommen selbst zu Wort; es wird nicht nur über sie, sondern auch mit ihnen gesprochen. Ihre Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit und auch ihr sicheres Gespür beeindruckten sie zutiefst, so die Autorin. Ohne die IP zu kennen, bestätigten die Schüler:innen Sinn und Wert einer ermutigenden Erziehungshaltung. 


Beate Letschert­-Grabbe plädiert nachdrücklich dafür, dass Lehrkräfte Grundkenntnisse über psychologische Abläufe besitzen sollten, um professionell agieren zu können. Deshalb gehe es nicht nur um die Ermutigung der Kinder, sondern auch der Lehrkräfte. Ebenso wichtig sind Selbstreflexion, Analyse, offene Gespräche zwi­schen Kolleg:innen und die Beachtung der Rückmeldun­gen von Schüler:innen. Zum Abschluss beschreibt die fachkompetente Autorin die Bedeutung von Konzepten und Zielen schulinterner Lehrerfortbildungen und kolle­gialer Unterrichtsreflexion sowie der Selbstermutigung in der pädagogischen Arbeit. Sie versteht es, aktuelle Themen der Pädagogik verständlich und spannend zu vermitteln. Die Lektüre macht besondere Freude, weil die Kinder zu Wort kommen. „Das übersehene Kind“ ist nicht nur ein Beitrag für die Fachwelt, sondern auch für  eine breite Öffentlichkeit. 


Siglinde Hiestand 

Eine Rezension von Kirsten Fuhrmann

Created with Sketch.

Lippische Landeszeitung, Donnerstag 22. April 2021



Kleine Gesten mit großer Wirkung

In "Das übersehene Kind" gibt Erziehungswissenschaftlerin Dr. Beate Letschert-Grabbe Tipps für Eltern. Mitgewirkt haben Grundschüler aus Detmold.

Detmold (kef). Eine besondere Zusammenarbeit steckt in dem neuen Buch von Dr. Beate Letschert-Grabbe. Die Erziehungswissenschaftlerin hat für ihre Veröffentlichung "Das übersehene Kind" über Wochen mit der damalige 4c der Weerthschule zusammengearbeitet (die LZ berichtete). Sie hat die Neun- bis Zehnjährigen Situationen analysieren und bewerten lassen, die aus dem wahren Leben gegriffen sind. All ihre Beobachtungen finden sich samt Fotografien in dem Buch wieder und beinhalten viele nützliche Erziehungstipps.

Drei Erwachsene gehen spazieren, die Aufmerksamkeit voll und ganz auf ihre Handys gerichtet. Der dreijährige Junge läuft hinterher, stellt viele Fragen zur Baustelle, die sie gerade kreuzen. Er wird kaum beachtet, bis auf eine, blieben seine Fragen unbeantwortet. "Solche Beobachtungen beschäftigen mich seit langem, und so lag für mich nicht nur der Titel nahe, sondern mit ihm auch der Wunsch, das Kind stärker in den Fokus zu rücken, klare erkennbar werden zu lassen", erklärt die in Bad Salzuflen lebende Autorin ihre Idee. Sie möchte die Leser zum genaueren Hinsehen anregen. Denn oft seien es Kleinigkeiten, Betonungen oder einzelne Worte, die den Unterschied machen.

Zischen "Hallo" und "Hallo Julia" liegen beispielsweise Welten, wird in dem Buch deutlich. Während das bloße Grußwort allgemein und unpersönlich ist, ist die Anrede etwas Individuelles, Unverwechselbares. "Das Kind bei seinem Namen zu nennen ist eine der zahlreichen Möglichkeiten, seine Individualität in unüberhörbarer Weise zu respektieren", schreibt Beate Letschert-Grabbe. Die Erziehungs-wissenschaftlerin nimmt in einem Kapitel außerdem verschiedene Floskeln in den Fokus. "Das schaffst du schon" oder "Du brauchst keine Angst zu haben" sind doch ganz normale Sätze, um Kinder zu ermutigen oder nicht? Die Autorin sieht das anders. Sie erklärt: "Diese Äußerungen sind keineswegs hilfreich, denn es wird heruntergespielt, was dem Kind Probleme macht." Ihm werde suggeriert, das die Herausforderung einfach sei, das Kind bloß zu dumm, dass der Erwachsene besser über das Kind und seine Gefühle Bescheid weiß, als dieses selbst und das sich Angst beliebig ein- und ausschalten lasse. "Statt den Kindern Mut zu machen, wird ihnen Mut genommen", heißt es.

Ähnlich verhält es sich mit "Das schaffst du schon". Auch diese Äußerung könne das Kind eher verunsichern, als ermutigen. Sie übe eher Druck aus und lässt beim Kind Fragen offen: "Was passiert, wenn ich es nicht schaffe? Wie kriege ich es hin, niemanden zu enttäuschen?" Die Mutter, die ihrem Sohn für die bevorstehende Klassenarbeit Mut zusprechen will, könne eher so die passenden Worte finden: "Guck mal, wie weit du kommst. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie du denkst." Denn die manchmal unbedacht dahingeworfene Floskel sei eine sicherlich weder gewollte noch bewusste Verkennung und Missachtung der Gefühlswelt des Kindes und somit eher frustrierend. Diese und andere Erkenntnisse sind in dem Buch zu finden. Anschaulich und beispielhaft mit Reaktionen aus dem echten Leben, von den Hauptprotagonisten, den Kindern selbst, dem Leser näher gebracht.

Eine Rezension von Prof. Dr. Jürg Frick

Created with Sketch.

Dennis: Ich bin hier der Schulschreck!

 

Rezension von Jürg Frick in: Zeitschrift für Individualpsychologie, 1/2020, S. 113-115

 

 

Die Autorin war langjährige Lehrerin, Seminarleiterin, Weiterbildnerin sowie individualpsychologische Beraterin und Supervisorin. Nach dem – gemeinsam mit Jos Letschert und Maria Clasen – herausgegebenen Band „Ist mir doch egal! Ermutigung: Eine pädagogische Herausforderung“ (Hohengehren: Schneider) im Jahr 2014 (siehe dazu auch ihren Beitrag in der Zeitschrift für Individualpsychologie 2, 2016, S. 133-146) legt sie nun ihr früheres Buch (2003) über „Dennis“ in einer gründlich überarbeiteten und aktualisierten Fassung neu auf. Eine sinnvolle und wertvolle Ergänzung.

 

Wie kann man mit verschiedenen ermutigenden pädagogischen Maßnahmen eine „chaotische“ dritte Grundschulklasse mit viel Geduld und Beharrlichkeit zur konstruktiven gemeinsamen Arbeit und Zusammenarbeit führen? Ist das überhaupt möglich? Und wie? Die Autorin beleuchtet in diesem ersten Teil (A) des Buches wichtige Hintergründe für „schwieriges“ Verhalten (u. a. negatives Selbstbild, Einsamkeit, Entmutigung) und beschreibt, wie man das Gemeinschaftsgefühl auch vernachlässigter Kinder aktivieren kann. Dazu gehört u. a., als Lehrperson das Gelungene der Lernenden angemessen zu betonen, statt auf Fehler zentriert und fixiert zu sein, also Fähigkeiten als erworbene Kompetenzen hervorzuheben – hier bestätigt die Autorin wichtige Schlüsse der Hattie-Studie (2013: „Lernen sichtbar machen“).

 

Als profunde individualpsychologische Theoretikerin und Praktikerin vermittelt sie den Leserinnen und Lesern den wichtigen Unterschied zwischen Lob und Ermutigung (sie plädiert mit guten Gründen für Letzteres): Während Lob schwerpunktmäßig das Endresultat bestärkt (und häufig damit die extrinsische Motivation fördert), setzt Ermutigung den Schwerpunkt auf die Würdigung und Wertschätzung des Bemühens, der Anstrengungsbereitschaft, des Durchhaltens, des Versuchens – unabhängig vom Endresultat. Damit werden eher Prozesse der – pädagogisch wichtigeren! – internalen Motivation angeregt.

 

Ein weiteres Kapitel zum Kinderklassenbuch bietet Anregungen und ein Training zur Selbstermutigung, da letztlich nur Selbstachtung und Selbstschätzung „störende“ bzw. entmutigte Kinder zu einem konstruktiven Sozialverhalten bringen können. Die Autorin legt hier überzeugend dar, wie Kinder nicht selten unbewusste Geschwisterkonflikte in Form von unbewältigten Übertragungen in die Schule hineintragen, ein Thema, das – überraschend – selten in pädagogischen Büchern zur Sprache kommt. Dazu zeigt uns die Autorin in einem wörtlich aufgezeichneten Gespräch mit einem vorbildlichen Reflexionsteil ganz plastisch, wie wichtig Geschwisterbeziehungen sein können, wie sie „ausstrahlen“ und was das für die Lehrperson bedeutet.

 

Eine ermutigende Grundhaltung bedeutet nach der Autorin weiter auch, Kinder als Expertinnen und Experten wertzuschätzen und für die Klassengemeinschaft konstruktiv einzusetzen. Jedes Kind hat mindestens einen Bereich, in dem es eine gewisse Expertise entwickelt hat, diese gilt es zuerst einmal überhaupt zu erkennen und zweitens dann auch zu würdigen. Bei allen Themen dieses Buchteils spielen Einzel- und Gruppengespräche mit den Kindern eine wichtige Rolle, die zur Veranschaulichung wiederholt und ausführlich wiedergegeben werden.

 

 

Im zweiten Teil (B) steht die schrittweise und mit viel Aufs und Tiefs sowie mehreren Rückschlägen und Stagnationsphasen verbundene Integration des massiv störenden Außenseiters Dennis zum schließlich geschätzten Mitglied der Klasse im Zentrum. Wichtig scheint mir hier, dass die Autorin Rückfälle bzw. Rückschritte als normal und dazugehörend beleuchtet und betrachtet, weil sonst die Versuchung für junge Lehrpersonen besteht, den Weg der Ermutigung als einfach-linearen, nur positiv fortschreitenden Prozess zu verstehen – die Gefahr, dass man so scheitert und aufgibt, ist dann entsprechend groß.

 

Letschert lässt uns an dieser längeren, enorm kräfteraubenden Auseinandersetzung mit Dennis teilhaben, zeigt, wo sie an Grenzen kommt, innehält, sich mit anderen Personen bespricht, austauscht, schließlich wieder aufsteht und weiterschreitet, erste Fortschritte erzielt, weitere Erfolge sowie mit der Zeit anhaltende Veränderungen mit Dennis erreicht. Sie zeigt uns dabei, wie wichtig es mit einem solchen Kind ist, sich nicht provozieren zu lassen – ganz gleich, was passiert -, nicht zu schimpfen oder zu kämpfen, immer wieder, so schwer das auch häufig sein kann, das Potenzial (mehrere Möglichkeiten, verborgene Ressourcen des Kindes) und den Kontext von Dennis (z. B. die schwierige Familiensituation) zu sehen und immer im Hinterkopf den Grundsatz zu behalten, dass Kinder, die Probleme machen, Probleme haben, wofür sie nicht einfach allein verantwortlich gemacht werden können. Hier zeigt die Autorin auch einen systemischen Blick, ohne den natürlich für Klasse und Lehrperson mehr als herausfordernden Lebensstil des Knaben aus dem Auge zu verlieren.

 

Ähnlich wie der individualpsychologische Autor und Lehrer Alfons Simon in den 1950er Jahren geht auch Letschert vor, indem sie diesem schwierigen Kind eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe überträgt und ihm immer wieder bei positivem Verhalten Beachtung schenkt: Das tönt zwar einfach, aber die Autorin beschreibt, wie anspruchsvoll das für sie und zugleich richtig für das Kind ist. Dabei verschweigt sie auch nicht wiederholte Rückfälle. Aber die anstrengende und längere Arbeit lohnt sich schließlich! All das dokumentiert Letschert auch mit Faksimiles von Dennis‘ Texten.

 

 

Der dritte Teil (C) beinhaltet „Empfehlungen zur Ermutigung entmutigter Kinder im Unterricht – ein 20-Punkte-Programm“ (S. 329-356), die aus meiner Sicht besonders auch für angehende Lehrpersonen von großer Hilfe sein können. Ich erwähne in einer kleinen Auswahl einige Kapitelüberschriften – und lege kurz dar, warum ich das für wichtig halte:

 

  • Das Kind ansprechen und seinen Namen in einem positiven Zusammenhang nennen – wie viele störende Kinder werden im Schulalltag nur noch gescholten, kritisiert? Dabei werden leicht – immer auch vorhandene – positive Seiten des Kindes übersehen.
  • Wahlmöglichkeiten eröffnen (Beispiel: Du hast die Wahl zwischen a und b) übergibt dem Kind eine Mitverantwortung und hilft ihm (eher) aus seiner Opposition (statt einfach das nicht erwünschte Fehlverhalten zu sanktionieren!).
  • Konkrete Ermutigung statt allgemeines Lob – Letschert kritisiert das häufig pauschale (und damit undifferenzierte) Lob in der Pädagogik: Stattdessen sollen differenzierte und konkrete ermutigende Rückmeldungen gegeben werden (Beispiel: Toll, wie du trotz Schwierigkeiten drangeblieben bist).
  • Das unangemessene Verhalten eines Kindes als Ausdruck seiner Lernerfahrung verstehen und entsprechende Projektionen erkennen – viele Lehrpersonen nehmen das störende, schwierige Verhalten persönlich, reagieren verletzt und sind nicht mehr in der Lage, ihm adäquat zu begegnen. Hier zeigt sich einmal mehr, wie wichtig Selbsterfahrung, Selbstreflexion, auch Inter- und Supervision für Lehrpersonen sind.
  • Das Kind aktivieren und seine Fähigkeiten für die Gemeinschaft nutzen – viele entmutigte Kinder werden passiv oder zeigen ein destruktives Verhalten. Letscherts Ansatz, dass jedes Kind im tiefsten Inneren eigentlich gerne mittun möchte, bedeutet, zu erkennen, wo Kompetenzen, vielleicht auch nur rudimentäre oder nicht schulischer Art, erkannt, abgeholt, gefördert und gewürdigt werden sollten. Integration bzw. Inklusion heißt so immer auch, das Gemeinschaftsgefühl aller Beteiligten anzusprechen und zu stärken.
  • Einen hohen Anspruch an die Leistungsbereitschaft des Kindes stellen und Unterforderung vermeiden – der klassische individualpsychologische Ermutigungsansatz. Die Autorin zeigt deutlich, dass es gerade nicht um eine angebliche „Kuschelpädagogik“ oder um eine verwöhnend-gewährende Erziehungshaltung oder um eine nur reaktive Führung geht, ganz im Gegenteil: Ermutigung bedeutet, von jedem Kind mehr zu erwarten und einzufordern, als es momentan leistet.

 

Weitere Kapitelüberschriften, die eine individualpsychologische Handschrift verraten, sind u.a.: Dem Kind zur Selbstachtung verhelfen; destruktiven Zielen des Kindes mit konstruktiver Blickrichtung begegnen und seine Kooperation gewinnen; Verantwortung übertragen; das Geltungsbedürfnis des Kindes akzeptieren und dem Kind Beachtung geben; Ermutigung vorleben und die Kinder zur Selbst- und Fremdermutigung anleiten.

 

Genuin individualpsychologische Ansätze erkennen wir bei der Lektüre auch in Letscherts tiefer Überzeugung, dass Verhaltensschwierigkeiten einzelner Kinder immer auch eine soziale Aufgabe für die Mitschülerinnen und Mitschüler darstellen, es um die Aktivierung des Gemeinschaftsgefühls aller Kinder, um die gegenseitige Ermutigung der Kinder (Peer-Ermutigung!) oder anders ausgedrückt um die langfristige, stützende und ermutigende Grundhaltung von Lehrkraft, Mitschülerinnen und Mitschülern geht: Wo und wie können wir das Verständnis der Klasse für die Schwierigkeiten und Probleme des „schwierigen“ Kindes wecken, es stärken und seine Hilfe einfordern, die Integration bzw. Inklusion solcher Kinder zu einer gemeinsamen Aufgabe aller zu machen, wo alle mithelfen, einen Beitrag leisten können – und damit selbst stärker, besser, sozialer werden. Diese positive, fordernde wie fördernde Grundhaltung der Lehrperson ist zentral und doch nicht so leicht zu erreichen – hier gilt es für Leserinnen und Leser, besonders für Berufseinsteigende im Schulfeld, auch die nötige Geduld und Toleranz mit sich selbst aufzubringen, denn was die Autorin beschreibt, ist das Resultat einer langen und anstrengenden Arbeit, ist hohe Kunst, ist als Zielorientierung zu verstehen. Und Ziele erreicht man nicht alle, einige manchmal auf Umwegen, andere verzögert, nicht selten nur teilweise, und auch Scheitern gehört zum Beruf! Dieser Hinweis scheint mir bei der Lektüre dieses Buches wichtig, um sich nicht mit zu hohen, idealistischen Ansprüchen, besonders am Anfang der Lehrtätigkeit, zu überfordern – und dann deswegen zu resignieren, denn das Resultat der beharrlichen Arbeit von Letschert mit Dennis und der Klasse ist das Ergebnis einer harten, langen Auseinandersetzung der Autorin. So könnte dieses Buch durchaus auch den Titel „Die Kunst der Ermutigung“ tragen. 

 

Der Teil D beinhaltet ein „Stuhlkreisgespräch“ mit einigen der damaligen Schülerinnen und Schüler, das Letschert nach Jahren geführt hat, und das kann aus Platzgründen hier nicht angemessen zusammengefasst werden. Aber: Das Lesen lohnt sich!

 

Der vorliegende Band zeigt Leserinnen und Lesern anschaulich an vielen Beispielen mit großem Kenntnisreichtum, welche enorme Bedeutung die pädagogische Ausgestaltung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses hat – nicht nur für die Schulleistungen, sondern ebenso für das Sozialverhalten, Denken und Fühlen der Schülerinnen und Schüler. Bis zu den bekannten Metastudien von Hattie (2013) standen über viele Jahre eher lerntheoretisch basierte, technizistische pädagogische Konzepte in der Lehreraus- und -weiterbildung (Stichwort: „Verstärker und Sanktionen“) und in der Schulentwicklung im Fokus, auch in den meisten Schulreformprojekten; der personale Ansatz geriet stark in den Hintergrund, galt sogar als veraltet – seit Hattie hat sich dies nun wesentlich geändert.

 

Mit dem hier vorliegenden Buch ordnet sich die Autorin in die Reihe bedeutender pädagogischer Praxisbücher ein, die bei August Aichhorn (1920er Jahre) beginnen, bei Alfons Simon (1950er Jahre) und Torey Hayden (1980er Jahre) ihre Fortsetzung gefunden haben – mit der Ergänzung, dass das vorliegende Buch das aktuellste und fundierteste darstellt. Das Buch kann allen Lehrkräften wärmstens empfohlen werden!

 

                                                                                                                      Jürg Frick, Uerikon

 

Eine Rezension von Ulrike Strubel


Created with Sketch.

Dennis: Ich bin hier der Schulschreck!

 

Rezension von Ulrike Strubel, erschienen in: Lichtblick, Magazin für praktizierte Individualpsychologie. Heft 109, September 2019, S. 26

 

 

Schule und Unterricht haben sich im Lauf der Zeit stark verändert. Gerade Verhaltensschwierigkeiten sind für heutige Lehrkräfte eine Herausforderung im pädagogischen Alltag. Die Autorin ist überzeugt, dass die oft beklagte Disziplin- und Respektlosigkeit mit grundsätzlicher Beachtung und Einbeziehung der Kinder gelöst werden kann. Anschaulich, praxisnah und individualpsychologisch fundiert ist das Buch eine wahre Fundgrube an Ideen, wie Ermutigung für beide Seiten gelingt: für Kind und Lehrkraft.

 

Beate Letschert lässt den Leser in insgesamt 17 Szenen an ihren pädagogischen Maßnahmen teilhaben. Es ist berührend, mitzuerleben, wie es ihr gelingt, aus einer chaotischen dritten Grundschulklasse im Laufe von anderthalb Jahren eine Klassengemeinschaft entstehen zu lassen. Die Szenen haben teilweise Gesprächsprotokoll-Charakter, um die Entwicklungsfortschritte der Kinder sichtbar zu machen. Gemeinsam mit der Lehrkraft reflektieren sie das Geschehene. Der Leser bekommt einen detaillierten und konkreten Einblick in die Haltung und die daraus abgeleiteten Handlungen der Autorin. Es hat mich sehr beeindruckt, wie es der Autorin mit einer konsequent wohlwollenden, wertschätzenden und damit ermutigenden Haltung gelingt, Kinder, die sich in eine Außenseiterposition manövriert haben, wieder in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Der individualpsychologische Hintergrund wird den Schülern – und auch den Eltern – maßgeschneidert und individuell vermittelt. Um Anerkennung und Zugehörigkeit des einzelnen Schülers innerhalb der Klasse zu stärken, führt die Lehrerin zum Beispiel ein Kinderklassenbuch ein.

 

Die Autorin zeigt ohne erhobenen Zeigefinger, dass Kinder die Sicherheit brauchen, niemals die Beachtung und Aufmerksamkeit ihrer Lehrkraft zu verlieren, egal wie herausfordernd ihr Verhalten auch sein mag. Mit dieser inneren Einstellung und den daraus resultierenden Handlungen lässt sich das Selbstvertrauen von Kindern stärken. Sie bekommen damit einen neuen Zugang zu ihren Potenzialen und können diese dann prosozial für die Gemeinschaft einsetzen. Beate Letschert geht in ihrem Buch auch auf das Dilemma des verwöhnten Kindes ein. Es soll klein bleiben und dennoch Großes leisten. Im Fallbeispiel ist der Leser beim einfühlsamen Gespräch mit der Mutter dabei und sieht, wie es gelingt, ihre Mitarbeit zu gewinnen. Beeindruckend ist, wie durch das von ihr entwickelte Sieben-Schritte-Konzept aus dem „einsamen Prinzen“ ein geschätzter Helfer wird.

 

Auch für Dennis, den Schulschreck, hat sich die Autorin ein individuelles Konzept überlegt. Nicht provozieren lassen und nicht mit ihm kämpfen, ist der erste Schritt. Gleichzeitig schenkt sie ihm Beachtung, indem sie jeden seiner Beiträge, der ansatzweise in die gewünschte Richtung geht, positiv konnotiert. Mit dem Tageslichtprojektor-Amt überträgt sie ihm Verantwortung, wodurch Dennis auch von den anderen Lehrkräften Anerkennung und Beachtung erfährt. Außerdem stellt sie an Dennis einen hohen Leistungsanspruch, denn er kann vieles, daher soll und darf er in seinen Potenzialen gefördert und gefordert werden. So wird er in Hausaufgaben-Teams integriert und erlebt sich hier als einer, dem geholfen wird, von dem man jedoch auch erwartet, dass er den anderen hilft. Der Leser kann diesen Entwicklungsprozess mitverfolgen. Es ist berührend, wie er aus seiner Verweigerungshaltung und dem „Ist mir doch egal!“ nun immer mehr die Zugehörigkeit zur Klassengemeinschaft sucht. Auch als Dennis in einer Situation wieder in alte Verhaltensmuster zurückfällt, bleibt die Autorin respektvoll, freundlich und fest.

 

Im letzten Teil gibt Beate Letschert mit einem 20-Punkte-Programm Empfehlungen zur Ermutigung entmutigter Kinder im Unterricht. Hier werden Lehrkräfte fündig, die wissen wollen, wie sie Kinder mit Verhaltensschwierigkeiten Anerkennung, Ermutigung und Zugehörigkeit erleben lassen können. Es sind vor allem kleine Dinge mit großer Wirkung, beispielsweise den Namen des Kindes in positiven Zusammenhängen bewusst zu nennen oder ihm seine Gefühle zuzugestehen, ohne gleich falschen Trost mitzuliefern. Wahlmöglichkeiten anbieten und Unterforderung vermeiden sind weitere Punkte aus dem Programm, das man getrost als „ABC der Ermutigung“ bezeichnen kann.

Wenn Sie die ganze Rezension lesen möchten, klicken Sie bitte auf "Eine Rezension von Dr. Jos Schnurer".

Fazit
Das Autorenteam stützt sich bei seinen pädagogischen Betrachtungen über Bildungs-, Erziehungs- und Lerngelingen wie den Diskussionen über deren Misslingen überwiegend auf die Individualpsychologie Alfred Adlers, in der die „Ganzheit des Individuums, also von dessen Einmaligkeit und Unteilbarkeit“ zum Ausdruck kommt. Sie registrieren, dass gerade diese Betrachtung des Menschseins in der sich immer interdependenter, entgrenzender und (möglicherweise auch) unverbindlicher und egoistischer sich entwickelnden (Einen?) Welt notwendiger denn je sei. Das Prinzip der Ermutigung als Kern- und Leitmotiv der individualpsychologisch orientierten Pädagogik, stellt, so das Autorenteam, eine pädagogische Herausforderung im Hier und Heute dar. Das zeigen die Autorinnen und der Autor in vielfältiger, eindringlicher Weise in ihren theoretischen Reflexionen und insbesondere in ihren Praxisbeispielen auf.

Das Buch mit dem provozierenden Titel „Ist mir doch egal!“ sollte für die Lehreraus- und -fortbildung, wie auch in der Elternbildung einen herausfordernden Stellplatz einnehmen und als Handbuch zur Kenntnis genommen werden!

Created with Sketch.

Ich selbst habe schon an zwei Fortbildungen von Beate Letschert teilnehmen können. Einmal zum Thema „Umgang mit schwierigen Kindern“ und „Elterngespräche souverän meistern“. Beide Fortbildungen haben mir gut gefallen und ich konnte einige wertvolle Tipps für die Praxis daraus mitnehmen. Grundgedanke bei Frau Letschert sind dabei die Ermutigungen, die der Schlüssel zum Erfolg sein können. Im neuen Buch „Ist mir doch egal! - Ermutigung: Eine pädagogische Herausforderung“ von Beate und Jos Letschert und Maria Clasen werden all diese Grundhaltungen und pädagogischen Leitgedanken angesprochen. Sehr praxisorientiert und mit vielen Beispielen aus dem Alltag lassen sich die einzelnen theoretischen Aspekte gut nachvollziehen. Das Buch ist ganz grob in 3 Teile gegliedert, Erziehung und Elternhaus, Schule und Unterricht und Bildungspolitik und Gesellschaft. Auf wirklich jedes Kapitel folgt eine passende Situation aus dem Alltag, wodurch das Übertragen in die Praxis stark vereinfacht wird. Ein tolles Buch, dass für jede Pädagogin, jeden Pädagogen Pflichtliteratur sein sollte. Mir selbst hat es viele Anregungen für den Schulalltag gegeben, und ich versuche nach und nach verschiedene Tipps umzusetzen, bzw. meine Ansicht auf gewisse Dinge zu ändern. Sehr empfehlenswert!